Emmy Noether-Gruppe Aufrichtigkeit


Projektbeschreibung

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wird Aufrichtigkeit zu einer zentralen ethischen Kategorie: „Aufrichtigkeit ist eine Tugend, nach welcher wir unserm Nächsten, alles, wodurch sein Nutze befördert, oder sein Schade abgewendet werden kann, frey heraus sagen.“ (Zedler 1732: 2164). Sie wird also als diejenige Pflicht definiert, dass das Fühlen bzw. Denken stets im Sprechen bzw. Handeln transparent werden soll, dass also eine direkte Korrespondenz zwischen Innen und Außen bestehen muss.

Aufrichtigkeit ist ein modernes Phänomen, da sie einen bestimmten Begriff von Individualität voraussetzt, der sich erst im Zuge der Neuzeit herauszubilden begonnen hat, um dann mit der zunehmenden Durchlässigkeit sozialer Schichten und der damit zusammenhängenden innergesellschaftlichen Mobilität mehr und mehr an Relevanz zu gewinnen. Aus der Perspektive des handelnden Subjektes erscheint Aufrichtigkeit als eine moralische Pflicht, d.h. sie impliziert neben der offenen und transparenten Kommunikation nach außen zugleich auch immer eine nach innen gerichtete Arbeit an der moralischen Konstitution des Subjekts. Dabei wirkt Aufrichtigkeit kommunikations- und handlungsregulierend, da sie beispielsweise für Verlässlichkeit im sozialen Umgang sorgt. Diese stabilisierende Wirkung zeigt sich zugleich auf zwei Ebenen: auf derjenigen der Öffentlichkeit und auf derjenigen des Privaten oder Intimen. Beide Ebenen, die teilweise in Opposition zueinander geraten, bilden sich im Zuge der Etablierung der bürgerlichen Gesellschaft heraus, zu deren Leittugend die Aufrichtigkeit avanciert.Auf diese Weise wird Aufrichtigkeit zum Ausdruck des Selbstverständnisses des aufkommenden Bürgertums.

Die interdisziplinäre Rekonstruktion der Pflicht zur Aufrichtigkeit in der Kultur und Literatur des langen 18. Jahrhunderts steht im Mittelpunkt der Untersuchungen der seit Juli 2011 von der DFG geförderten Emmy Noether-Gruppe „Aufrichtigkeit in der Goethezeit“. Die Emmy Noether-Gruppe besteht aus drei Teilprojekten: 1.) Philosophie/Theologie, 2. Germanistik und 3.) Romanistik/Komparatistik. (siehe Teilprojekte)

 

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